Rückblick – Zusammenfassung – Ausblick


Drei Fragen standen bei dem wissenschaftlichen Kongress in Freiburg im Vordergrund:

  1. Wie frei ist der Mensch im Netz der Neuronen, seines Unbewussten, seiner frühen Erfahrungen und der gesellschaftlichen Traditionen und Ideologien?
  2. Was ist in nach-aufklärerischer Zeit unter Spiritualität zu verstehen und welche Bedeutung kommt ihr in den Bereichen Wirtschaft und Erziehung zu?
  3. Wie lassen sich gesellschaftliche und individuelle Entwicklung so gestalten, dass Krisen und Herausforderungen gemeistert werden können?
 
Damit sich die Leserin/der Leser ein Bild vom Kongress machen kann, werden zunächst in nahezu chronologischer Reihenfolge wichtig erscheinende Aspekte der Vorträge berichtet, die mit zunehmender Tendenz aufeinander bezogen und kommentiert werden. Abschließend wird auf die drei Fragen nochmals direkt eingegangen werden.
 
Die Einzelvorträge wurden vom Auditorium Netzwerk aufgezeichnet und können dort als DVD und als CD erworben werden.
  
 

1. Einführungsvortrag Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther

In seinem Einführungsvortrag betont der Neurobiologe Gerald Hüther die Notwendigkeit einer neuen Kultur der Spiritualität und zeigte auf, wieso sie notwendig und wie sie erreichbar ist („wir können es schaffen“). An erheiternden Beispielen zeigte er, dass wir uns noch immer in eher archaischer Weise auf eng umgrenzte Ziele der Lebenserhaltung und Lebensführung konzentrieren und eingefahrene Muster und Methoden der Problemlösung einsetzen. Dabei nutzen wir jeweils nur einen kleinen Teil unserer Hirnareale und –potenziale. Diesen „Ressourcen-Ausnutzungsmodus“, der sich mit den Verhaltensmustern der Konkurrenz, des Mehr-haben-Wollens und –Brauchens und den Emotionen Geiz, Gier und Neid charakterisieren lässt, gelte es zu Gunsten einer „Potenzialentfaltung“ zu überwinden: Dilemmata lassen sich nicht mit den Methoden auflösen, durch die sie entstanden sind (Einstein), sondern dadurch, dass wir „das Ganze im Blick“ zu haben versuchen und von einer höheren Warte aus die Widersprüche integrativ bearbeiten. Verdeutlicht hat Hüther diesen Ansatz u.a. an der von allen als notwendig erkannten Sprachförderung im Kindergarten. Um sie zu erreichen werden in erster Linie nach altem Lernmuster Sprachförderprogramme aufgelegt – statt der Funktionsweise unseres Gehirns entsprechend die Emotionen anzusprechen, in deren Folge sich das Gehirn seinen individuellen Fähigkeiten entsprechend selbst das Wissen aneignet: Den Kindern Lust auf Kommunikation zu machen ist also entscheidend. Und die erreicht man, wenn man zu den Kindern eine positive emotionale Beziehung hat, so dass sie auch kommunizieren wollen. Statt immer nur den Kortex und die Wissensstrukturen direkt anzusprechen, braucht es die emotionale Betroffenheit, das unmittelbare Erleben. Nur hierdurch lassen sich eingefahrene Muster und Einstellungen verändern, Ängste und Einengungen abbauen, den Blick, die Denk- und Handlungsmöglichkeiten weiten. Der spirituelle „Potenzialentfaltungs-Modus“ ist also durch Verhaltensmuster der Offenheit, der Dankbarkeit und der Achtsamkeit und den dazu gehörenden Emotionen des Gebrauchtwerdens und der Eingebundenheit zu charakterisieren. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, die sich eingebunden und gleichzeitig als nützlich empfinden, sind in der Lage, sich und ihre Potenziale in sozialer Verbundenheit zu entfalten. Gewaltprobleme lassen sich empirisch auf das Fehlen dieser beiden Komponenten zurückführen (Anmerkung von Roth).

 
Wir kommen mit der Bereitschaft zu engem Kontakt auf die Welt und brauchen ihn zur Entwicklung unseres Hirns und unserer Persönlichkeit. Auf Grund unserer Kultur und Erziehung aber werden die angelegten Möglichkeiten nur zum Teil ausgebildet und die Erwartung an Eingebundenheit und Entfaltungsmöglichkeiten enttäuscht. Das erkennend stehen wir vor einer neuen Wende – ähnlich wie die von Darwin, Freud, Einstein: Unsere Vorstellung vom Ich als singuläres, durch die Gene oder durch unser Denken gesteuertes Wesen erweist sich als falsch. Unser Hirn ist bei aller Individualität ein soziales Organ. Ohne die Begegnung, die emotionale Anrührung durch Andere und das, was sie geschaffen haben, gäbe es kein Hirn und damit uns als Menschen nicht. Unser Problem aber ist nicht das Wissen um diese Fakten, sondern die Umsetzung, das Verlassen alt eingetretener „Kultur“-Pfade. Dazu braucht es vor allem Mut.
 
 
 

2. Dr. Heiner Geißler

Beispiele für die Eingefahrenheit von unreflektierten „Kultur“-Pfaden gab anschließend der Politiker Heiner Geißler reichlich. Insbesondere auf die alten Bilder vom Unterschied der Geschlechter, der sozialen Klassen, der Rassen und Nationen mit ihren dramatischen Folgen durch die gesamte Menschheitsgeschichte wies er hin und leitete ab, dass sich das Dilemma, welches dieser Menschenbilder nun ‚richtig’ sei und als Fundament für eine weitere Entwicklung dienen könne, nur dadurch lösen lasse, dass man auch hier einen übergeordneten Standpunkt einnehme und im Sinne Hüthers die Ebene wechsele. Auf die einfache Frage „Wer ist ein Mensch“ gibt es nur dann eine klare Antwort, wenn man alle Kategorisierungen hinter sich lässt, von der unmittelbaren Anschauung ausgeht und jedem Individuum das Menschsein zugesteht. Als zweiten fundamentalen Aspekt greift Geißler die von Hüther genannte Verbundenheit auf. Dass der Mensch ein Sozialwesen ist, ist so alt wie fundamental. Wer ist dein Nächster, diese Frage stellt Jesus nicht mit Blick auf den Zuhörer sondern in Blick auf den Verletzten, der unter die Räuber geraten war. Wer ist ihm am nächsten gekommen. Wir kommen den Menschen am nächsten, wenn wir ihnen helfen. Für die Menschen vor 2000 Jahren war das etwas Unerhörtes und sie waren „außer sich“, aber auch schon Konfuzius, Buddha und auch Sokrates gingen in diese Richtung.

 
Wir wissen also um diese Idee, allerdings scheint die Umsetzung schwer und es kommen im Gegenteil sogar immer wieder neue Kategorisierungen wie die der Kapitalisten und der religiösen Fundamentalisten hinzu, die sowohl das Menschsein als auch die Solidarität untergraben. In den Augen der Marktradikalen ist nur der ein Mensch, der wenig kostet und viel konsumiert. Dagegen anzugehen und dafür zu sorgen, dass diese von Wirtschaftswissenschaftlern entwickelten Ideen und Modelle etwa des Marktradikalismus Menschlichkeit und Solidarität nicht untergraben und sich der Staat in Folge dessen nicht gegen seine eigenen Bürger organisiert, dafür tragen alle Verantwortung. „Was ist das für ein Staat, in dem sich Kranke nicht mehr krank zu melden wagen, obwohl sie es sind“. Wenn die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Solidarität mit den Hilfsbedürftigen unsere obersten Prinzipien sind, so müssen wir dafür hart arbeiten. Und auch die Hochschulen und Universitäten haben sich nicht nur um das Kognitive, um Theorien und Modelle zu kümmern, sondern auch um das Emotionale und das Ethische. Sie haben Einfluss, den sie auch nutzen müssen. Die den Menschen auf Kosten- und Konsumfaktor reduzierenden Ideen und Modelle der Wirtschaftswissenschaftler, die uns die gegenwärtige Krise beschert haben, zeigen doch die Begrenztheit der mathematischen Modell und fordern uns auf, Kreativität und Spiritualität zu entfalten, um Wege und die Kraft zu finden, wie die Ideen eines positiven Menschenbildes auch umzusetzen.
 
 
 

3. Prof. Dr. Michael von Brück

geht anschließend auf die zentrale gesellschaftliche Struktur und die Bedeutung von Religionen ein. Dazu klärte er zunächst die beiden Wurzeln von Religion, die Erfahrung der Kontingenz und der Extase. Unter Kontingenz versteht er die Vergänglichkeit, die scheinbare Zufälligkeit von Ereignissen, von Leid und Tod. Die andere wichtige menschliche Erfahrung ist die der Extase in der Natur, der Kunst, der Erotik oder auch in körperlichen und geistigen Höchstleistungen. Religionen integrieren solche Einzelerfahrungen in ein Sinnsystem und sind somit Bewältigungsstrategien dieser beiden Erfahrungsbereiche. Als große Systeme entstanden die Religionen während der Sesshaftwerdung der Menschen, als große Städte entstanden mit ihren Rechts-, Herrschafts- und Wirtschaftssystemen, denen sie als Legitimationsbasis dienten.
Entgegen landläufiger Meinung handelt es sich nicht um starre Systeme, vielmehr werden ihre Veränderungen und Wandlungen schon früh erkennbar, als sich die Stadt- und Flussregionen ausdehnten, sich gegenseitig bekriegten, unterwarfen und mit der Bevölkerung auch deren Götter den eigenen unterordneten. Gegenwärtig können wir im Zeichen der Globalisierung beobachten, wie sich aus einer Koexistenz eine ‚Proexistenz’ ergibt, in der Übereinstimmungen und Annäherungen versucht werden. Insgesamt geben Religionen nicht nur Individuen, sondern ganzen Gesellschaften und Gruppierungen Halt, Identität und Orientierung und binden viele Ängste. Dies bedeutet aber gleichzeitig auch Abgrenzung, Revolte und Krieg der einen Gruppe und Identität gegen die andere. Um dies zu vermeiden ist eine Balance zwischen Bindung an die Gruppe und ihre Ideologie einerseits und die Offenheit für Veränderungen, für anderes Denken und Handeln andererseits notwendig, die Mystiker schon immer aus der Erkenntnis schöpften, dass es etwas Größeres gibt, in das alle eingefügt sind und sie von ihrer individuellen Kleinheit nicht für dieses Größere sorgen müssen oder überhaupt nur können. Die gleiche Grundhaltung findet sich in der buddhistischen Meditation, in der es um die Versenkung ins Ganze geht. In beiden spirituellen Haltungen und Praktiken wird das übersteigerte Ich-Bewusstsein, das unsere Zeit und Kultur kennzeichnet und dem entsprechend die Gier und der Neid, überwunden. In der heute notwendigen spirituellen Erziehung also werden die die Gemeinschaften gefährdenden Partikularinteressen reduziert und die Beheimatung im Ganzen gefördert. Allerdings ist eine solche Erziehung nicht aus einer Ethik des Sollens, sondern nur aus einer Ethik des Seins (oder Wollens) möglich, aus einer inneren Haltung, die sich aus spirituellen Erfahrungen ergibt. Spiritualität als der bewusste Umgang mit der eigenen Bewusstheit zeigt sich in der Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber und lässt sich in der Übung erreichen. Der Angst machende Identitäts-, Macht- und Kontrollverlust, die ökonomische und kulturelle Marginalisierung prägen unsere Zeit, so dass wir uns fragen müssen „wie wollen wir leben“ (so der Titel eines Buches des Referenten). Ein Schlüssel sieht von Brück in der beschriebenen Spiritualität, in heiterer Gelassenheit, in der Kreativität, und insbesondere in der Kultur und Kunst. Abschließend schildert er beispielhaft das musikalische Projekt der Philharmoniker in Hof in Niederbayern, in dem die Schülerinnen und Schüler aktiv am Musikleben partizipieren und insgesamt aufblühen. Nicht das Wort, sondern die Musik prägt uns schon im Mutterleib; der Rhythmus, die Töne und Geräusche geben uns Struktur und die Gewissheit der Eingebundenheit. Die Fixierung auf das rein Kognitive sollte also überwunden und eingebettet werden in eine umfassendere Erfahrung seiner selbst in der Gemeinschaft.
 
 
 

4. Dr. Tilmann Moser

Auf die Chancen, mehr aber noch auf die Gefahren und Risiken unserer allgemein vorhandenen religiös-spirituellen Begabung, ging der Psychoanalytiker und Körpertherapeut Tilmann Moser ein. Die Hirnforschung hat bestimmte Areale identifizieren können, die für Religion, Glaube, Transzendenz und Spiritualität, gleichzeitig aber auch für Fanatismus und Dogmatismus zuständig sind. Es handele sich bei diesen Kompetenzen um Möglichkeiten, die je nach Erfahrung und kulturellem Erbe und Umfeld geformt werden – wie das Hüther zuvor für das gesamte Gehirn dargestellt hatte. So wird verständlich, dass in allen Völkern und zu allen Zeiten ganz unterschiedliche religiöse Phänomene zu beobachten sind und dass nach dem teilweisen Verfall des Christentums in Europa so viele esoterische, spirituelle oder sektenartige Religionsformen entstanden. Fußball kann als archaische Ersatzreligion mit Hordenbildung, Heldenverehrung und heilenden Halleluja-Erlebnissen angesehen werden. Auch seien Hitler und Stalin ohne den sie verklärenden Erlöser- und Vatermythos kaum denkbar.

Es ist also notwendig, immer wieder den Missbrauch von Frömmigkeit und Gehorsam in der Verknüpfung mit Macht und Ausbeutung offen zu legen, um die seelische Kraftreserve Spiritualität in einer den Individuen und der Gemeinschaft dienlichen Form zu erschließen.
 
Einen wesentlichen Teil dieser Offenlegung und Gestaltung betrifft auch die Psychotherapie, die – stark von Freud geprägt – sich nicht um die religiösen Gefühle und Probleme der Individuen kümmerte. Welche zerstörerische Kraft Religion auf individueller Ebene haben kann, hat der Referent in seinem Buch „Gottesvergiftung“ geschildert. Dennoch verbergen Klienten ihre Schwierigkeiten oft hinter einer Mauer der Scham, schließlich hat man als aufgeklärter Mensch mit diesem Bereich keine Schwierigkeit zu haben. Dadurch wird aber die Macht der religiösen ‚Introjekte’ noch größer, sie werden mit viel Kraftaufwand abgewehrt und können in den Kellergewölben der Seele dahinkümmern, abgespalten werden und sich in psychosomatischen Symptomen zeigen. Viele Therapien waren vermutlich deshalb nicht oder nur schleppend erfolgreich, weil dieser Bereich von der Therapie nicht wahrgenommen wurde. Ähnlich wie die Verbrechen der Nazidiktatur, die in den Kindern der Täter ihre zerstörerische Kraft weiter entfalten, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Religiosität nicht mit dem formalen Akt des Kirchenaustritts erledigt. Die „negative Transzendenz“ von Ereignissen und Erlebnissen wird durch die Generationen weitergereicht, wenn sie nicht aktiv aufgelöst werden. Sowohl auf theoretischer Ebene hat sie die Psychotherapie diesem Bereich anzunehmen, als auch haben die Therapeuten ihre eigenen religiösen Verstrickungen zu erkennen und aufzulösen, um ihrer Klienten bei der Bearbeitung ihrer Befreiung begleiten zu können.
 
 
 

5. Prof. Dr. Tebartz van Elst

Aber wie weit ist der Mensch durch seine Gene, seine Triebe, sein Unbewusstes, die Gesellschaft und die situativen Gegebenheiten festgelegt und kann seine Potenziale gar nicht wirklich entfalten, sondern immer nur in einem sehr engen Rahmen der Gegebenheiten „reagieren“ statt agieren? Diese Frage stellt sich insbesondre seit den ersten Experimenten des amerikanischen Psychologen Libet in der 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, in denen Gehirnaktivitäten deutlich vor einer bewussten Entscheidung nachzuweisen waren. Entscheidet also nicht die Person, sondern ihr Gehirn über das, was sie tut? Dieser Frage geht der Mediziner, Neurobiologe und Philosoph Ludger Tebartz van Elst nach. Um das entscheiden zu können muss zunächst geklärt sein, was wir unter Freiem Willen verstehen. Bereits Kant hatte zwischen der negativen Freiheit von etwas und der positiven Freiheit zu etwas unterschieden. Auch lässt sich eine innere Freiheit der Indeterminiertheit von Vorstellungen von einer äußeren Freiheit von sozialen Umständen und Zwängen unterscheiden. An Hand üblicher Freiheitsvorstellungen (Meinungsfreiheit, „Ich bin so frei“, „I want to be free“, „die Gedanken sind frei“, Vorhersagefreiheit) analysiert Tebartz van Elst die Phänomenologie des Freien Willens und kommt zu dem Schluss, dass sich die von Libet durchgeführten Experimente nur auf die Vorhersagefreiheit von Muskelbewegung beziehen und damit nichts aussagen über die breite Palette menschlicher Willensfreiheit. Libet selbst hat später seine Aussage revidiert und sieht den Freien Willen als eine Art Veto-Instanz an, die sich nur dann einschaltet, wenn es dem Ich im ansonsten weitgehend automatisiert und vorbewusst ablaufenden Lebensprozesse notwendig erscheint. Kausalität jedenfalls sei nicht die einzige Form von Bedingtheit, sondern eine Wirkmetapher, die sich aus Naturbeobachtungen ableitet und in der Billardkugel spielerisch dargestellt ist. Diese Metapher findet allerdings bereits in der Natur ihre Grenze, etwa in dem von uns nur sehr bedingt kausal zu erklärenden und vorhersagbaren Wetter. Chaostheorie und die prinzipielle Relativität der Quantenphysik und probabilistische Modelle ergänzen die kausalen. Dennoch sprechen wir dem unberechenbaren Wetter oder sonstigen Naturphänomenen keinen Freien Willen zu, sondern sehen die Möglichkeit einer bewussten Entscheidung nur bei Lebewesen gegeben, die auch ein Bewusstsein haben. Dabei zeigt sich: Je konflikthafter ein zum Handeln führender Denkprozess ist, umso bewusster, und je bewusster, umso langsamer läuft er ab. Auch wenn er prinzipiell nicht aus dem Rahmen physiologischer und physikalischer Gesetze herausfalle, so ist er prinzipiell doch jeweils einzigartig und deshalb nicht vorhersehbar, da er das Produkt eines Organismus ist, der in seiner geschichtlichen Gewordenheit, seinem situativen Hier und Jetzt und in seinen Zukunftsprojektionen einzigartig ist. Freiheit ist so gesehen zu verstehen als individueller Lebensvollzug eines Individuums, der über ein rein automatisiertes und vorbewusstes Verhalten hinausreicht und der einem Individuum eigen sein muss, will es diesen seinen Gegebenheiten gemäß handelt und sich entfalten. Aus der Kenntnis eines Individuums lässt sich zwar mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob es in der nachfolgenden Pause Tee, Kaffee oder Bier trinken wird, aber mit Sicherheit geht das nicht und annähernd geht das nur, wenn man die Parameter von individueller Gewordenheit (bisherige Erfahrungen, Einstellungen etc.), Zukunftsprojektionen (wie geht es mir danach, was denken die Anderen) und die situativen Gegebenheiten (welche Auswahl steht überhaupt zur Verfügung, wie geht es dem Individuum augenblicklich, welche Bedürfnisse hat es) richtig einzuschätzen vermag. Freiheit ist also nicht eine Aussage über die Indeterminiertheit des Handelns, sondern ein Modell, um die im individuellen Lebensvollzug notwendigen Entscheidungen intelligenter Lebewesen zu beschreiben.

 
 
 

6. Prof. Dr. Anton Bucher

Aus dem, was Moser ausführte, bestehen verständlicherweise der Spiritualität gegenüber viele Vorbehalte, weshalb eine weitere Begriffsklärung notwendig erscheint. Hierzu hat Anton Bucher, Religionspsychologe und –pädagoge aus Salzburg mit seinem Überblicksreferat einen wichtigen Beitrag geleistet. Von ihm stammt auch das Handbuch zur Psychologie der Spiritualität, das vor zwei Jahren im Beltz-Verlag erschienen ist. Bucher zeigte in seinem Referat auf der Basis von Befragungen und empirischen Untersuchungen auf, dass es sich bei der S. in erster Linie um das Phänomen der Verbundenheit handelt, die in unterschiedliche Richtungen weisen kann. Dabei ist die Verbundenheit zu einem höheren Wesen, zu Gott, nur eine von vielen Varianten. Sie kann sich auch auf andere Menschen beziehen und in einer Gemeinschaft realisieren, in der Verbundenheit mit der Natur und auch im Bezug zu sich selbst als Selbstverwirklichung und/oder Selbsttranszendenz. Gerade darin ist offensichtlich ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben und zum Glück zu sehen: Wer von sich absieht und sich in und mit anderen und anderem lebt, im Flow etwa, der erlebt sich als erfüllt, ausgefüllt. Spirituelles Erleben lässt sich in vorwiegend zwei Regionen des Gehirns nachweisen und ist somit – ähnlich wie Intelligenz oder Kreativität – eine bei (fast) allen Mensch nachweisbare Potenz. Sie hat nachweislich positive Effekte hinsichtlich höherer Zufriedenheit, Glück, Lebenserwartung, Gesundheit etc., so dass sie insgesamt als evolutionärer Vorteil angesehen werden muss.
 
Differenzialdiagnostisch legte Bucher dar, dass Spiritualität und Religiosität zwei deutlich voneinander zu unterscheidende Konstrukte sind, die sich allerdings auf Grund von Traditionen häufig überschneiden. Wenn Institutionen die allgemein menschliche Bereitschaft und neurobiologisch zu begründende Spiritualität monopolisieren oder gar zur Unterdrückung, für Macht- und Herrschaftsansprüche ausnutzen, so ist das nicht durch ein Negieren spiritueller Bereitschaft zu bekämpfen, sondern durch eine entsprechende Kontrolle und Aufklärung. Auch werden in der europäischen Tradition ekstatische Zustände gerne als krankhaft deklassiert, was der Nutzung der in der Spiritualität liegenden Potenzen nicht gerade förderlich ist. Bucher hat in seinem Vortrag deutlich gezeigt, dass sich auch Extase und krankhafter Wahn empirisch deutlich unterscheiden. Es ist sicher nicht der Wahn, wohl aber die „Begeisterung“, die wir ergänzend zu einer nüchternen Weltbetrachtung als Motor des Handelns vor allem im Mitmenschlichen brauchen und in der Erziehung auch fördern sollten. Das „Tat Twam asi“ des vedantischen Hinduismus, (der oder das Andere, das bist eigentlich du selbst) spielt auch in der Psychologie als Identifikation, als Empathie usw. eine große Rolle und ist die entscheidende Voraussetzung für Verständigung und Mitmenschlichkeit. Durch sie schaffen wir uns selbst eine Umgebung, in der wir uns wohl fühlen und gut entwickeln können.
 
 
 

7. Kommentar I:

Die reduktionistische Rekonstruktion der Welt in wissenschaftlichen Theorien, Modellen und Mustern braucht eine Verankerung, von der aus sie erfolgt. Und diese Verankerung kann nicht aus der Wissenschaft selbst kommen. (Einstein: Probleme lassen sich nicht mit den Mitteln lösen, durch die sie entstanden sind.) Gegenwärtig orientieren wir uns an Verfahrensfragen im Sinne einer an den Menschenrechten orientierten Ethik. Es erscheint aber fraglich, ob dies ausreicht angesichts des weit über das Rationale hinausreichenden Potenzials des Menschen, und ob es nicht gerade konsequent aufgeklärt und ‚rational’ ist, die über die reine Vernunft hinausreichenden emotionalen und von Begeisterung geprägten Ebenen menschlichen Erlebens einzubeziehen.
 
Nachdem (vorläufig) geklärt ist, wie frei der Mensch aus Sicht von Neurobiologie, Psychologie bzw. Tiefenpsychologie, Politik, Religionswissenschaft und Philosophie ist und seine Potenziale zu entfalten vermag, wurde die Bedeutung und die Formen von Spiritualität und ihrer Möglichkeiten in nach-aufklärerischer Zeit aufgezeigt. Es wurde deutlich, dass die Spiritualität des Menschen nicht nur eine Gefahr darstellt, die es mit Aufklärung zu bannen gilt, sondern auch eine große Chance. Menschen haben prinzipiell und neurobiologisch sogar klar nachweisbar das Bedürfnis nach Spiritualität, das in der Erziehung gestaltet werden muss, um nicht Missbräuchen und unkultivierten Äußerungsformen anheim zu fallen. So wie Intelligenz und Energie gerichtet werden muss, damit sie sich nicht gegen das Individuum und/oder die Gesellschaft wendet, so müssen auch die spirituellen Kräfte des Menschen gestärkt, geschult und gerichtet werden, damit sich der Mensch als ganzer fühlen und seine Begeisterungsfähigkeit in einer für alle zuträglichen Form leben kann. Dazu ist keine kirchliche Gemeinschaft notwendig, wohl aber so etwas wie eine gesellschaftliche Tradition, die demokratisch kontrolliert und legitimiert Möglichkeiten bietet, dass unterschiedliche Formen von Spiritualität gelebt und gesellschaftlich fruchtbar gemacht werden können. Die modernen Zukunftswerkstätten sind eine dieser Formen..
 
Beispiele für eine neue, das Spirituelle auch berücksichtigende Ausrichtung in der Wirtschaft und in der Erziehung gaben die nachfolgenden Beiträge von Pruzan, Dauber, Nikolaus und letztlich Galtung:
 
 
 

8. Prof. Dr. Peter Pruzan

Der Wirtschaftswissenschaftler Peter Pruzan aus Kopenhagen hat über mehrere Jahre gemeinsam mit seiner Frau weltweit Top-Manager interviewt, die sich selbst als spirituell orientiert einschätzen und sie beide haben gezeigt, dass diese Grundhaltung auch im wirtschaftlichen Sinne sehr erfolgreich sein kann. Ökonomie ist nicht nur mit Ökologie und auch mit Humanismus vereinbar, sondern sogar als Schlüssel für nachhaltigen Erfolg anzusehen. Spiritualität erschließt nicht nur beim Management, sondern auch bei den MitarbeiterInnen, bei den Kunden und in der sozialen Gemeinschaft, in der das Unternehmen angesiedelt ist, Kreativität, Begeisterung und Mitmenschlichkeit, die sich auf das gesamte soziale Geflecht im Sinne einer Höherentwicklung auswirkt. Dass dabei geradezu irrationale und aller Logik widersprechende Aspekte für den Erfolg entscheidend sein können wird an dem Beispiel deutlich, bei dem ein Manager ein Unternehmen übernimmt, das sich als ziemlich bankrott herausstellt, so dass auf Anhieb 10% der Belegschaft entlassen werden müssen mit der Aussicht, dass in einem zweiten Schritt weitere Mitarbeiter „freigestellt“ werden müssen. Zunächst bürgte er mit seinem Privatvermögen bei der Bank, die ihn für verrückt erklärt. Genau das aber machte einen entscheidenden Eindruck bei den MitarbeiterInnen, die ihn nicht mehr als ihren Gegner, sondern als ihren Freund ansahen. Dann entscheidet er sich dazu, niemanden zu entlassen, der älter als 50 Jahre ist und von den Jüngeren nur diejenigen, die mit großer Wahrscheinlichkeit schnell wieder einen Anstellung finden würden. Diejenigen, die es traf, unterrichtete er persönlich und besprach mit ihnen ihre Möglichkeiten. Das Ergebnis war überwältigend. Die Entlassenen gründeten einen Hilfsfond und investierten in die Firma mit dem Erfolg, dass sie inzwischen alle Millionäre sind. Die verbleibende Belegschaft entwickelte einen Enthusiasmus und eine Kreativität, so dass sie heute Weltmarktführer sind in der Herstellung von elektronischen Hörhilfen. Allerdings hat der Chef die Devise ausgegeben, dass sie den Menschen wirklich helfen wollten, also das Augenmerk der Mitarbeiter nicht aufs Geldverdienen und auf Gewinn gerichtet war, sondern auf die Sinnvölle ihrer Produkte. Dazu mussten die Mitarbeiter Empathie entwickeln in ihre möglichen KundInnen, was sie wirklich brauchten, ihre Aufmerksamkeit also auf die Menschen richten für die sie arbeiteten und nicht auf ihre eigenen Interessen. Danach gefragt, wie er auf diese „Strategie“ kam gibt er zu verstehen, dass es keine Strategie war, sondern die Gewissheit, dass es nur so „richtig“ sei.
 
In seinem Vortrag zeigt Pruzan auf, dass es bereits seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts bewusste Entwicklungen in der Betriebswirtschaft in Richtung Spiritualität gibt, die letztlich darauf hinaus laufen, dass sich ein Unternehmen selbst reflektiert und als Teil eines größeren Ganzen versteht, das die Mitarbeiter, die Kunden, die Gemeinde, in der es angesiedelt ist und die gesamte Gesellschaft umfasst und das „die selbst verursachte Begrenzung ökonomischer Rationalität überschreitet“ (Altheus Huxley). Die Effektivität eines Unternehmens muss also nicht notwendigerweise auf das Ökonomische und Monetäre beschränkt bleiben, sondern kann sich auch daran messen, in wieweit es eine Wertorientierung bei denjenigen befördert, die mit ihm in Kontakt kommen.  
 
 
 

9. Kommentar II:

Wie aber lässt sich erreichen, dass die Menschen vermehrt wieder in diese Richtung denken und empfinden, ihre externe Fixierung überwinden, die inneren spirituellen Kräfte wahrnehmen, gestalten und für sich und ihre Mitwelt einsetzen, so dass die als notwendig erkannte Entwicklung der Individuen (und damit der Menschheit) einritt? Nicht nur Ökonomie und Ökologie sind miteinander vereinbar, auch die Beachtung ethischer Grundsätze und die sie tragende Spiritualität ermöglichen es der Ökonomie erst, ihr Wachstums- und Gewinnziel, nachhaltig zu erreichen. Wer sich auf Kosten Anderer bereichert, die Grundsätze sozialer Gerechtigkeit verletzt und so Misstrauen säht, schädigt nicht nur andere, sondern langfristig sich selbst. Es ist also durchaus rational, spirituell zu sein – und umgekehrt, denn alle Definitionen von Spiritualität laufen auf die Orientierung am größeren Ganzen, auf soziale, emotionale, rationale und transrationale Bindung hinaus.
 
 
 

10. Prof. Dr. Heinrich Dauber

Auf der Basis umfangreicher Untersuchung zur Lehrergesundheit haben Heinrich Dauber und KollegInnen in Kassel ein Modell der einführenden Lehrerbildung entwickelt. Insgesamt wurden ca. 6000 LehrerInnen befragt hinsichtlich dessen, was sie krank macht bzw. was sie gesund erhält. Vor allem emotionale Stabilität, das Gefühl, über hinreichend viele Ressourcen zu verfügen, sich als selbstwirksam zu erleben, mit Ungewissheit und offenen Situationen gut umgehen zu können, achtsam sein zu können, sich distanzieren zu können etc. sind neben anderen Faktoren, die die oft Kranken von den wenig Kranken unterscheiden. Darüber hinaus zeigte sich, dass die Lehrkräfte, die in der gestaltpädagogischen Vereinigung organisiert sind, hinsichtlich dieser Faktoren deutlich über dem Niveau der Gesunden lagen. Offen bleibt, ob sie dies auf Grund ihrer Ausbildung oder der schon mitgebrachten Persönlichkeit sind.
 
Auf der Basis dieser und anderer Untersuchungen die allesamt zeigen, dass für das Gesundbleiben nicht inhaltliche Faktoren (Wissen und Vermittlungswissen), sondern soziale Kompetenzen entscheidend sind, wurde in Kassel ein Seminarmodell aufgebaut, das Lehramtsstudierende im ersten Semester zu durchlaufen haben. Man kann davon ausgehen, dass die Gesunden in der Regel nicht nur sich selbst, sondern auch die Schüler­Innen, die KollegInnen und die Eltern zufrieden stellen, also einen ‚guten’ Unterricht machen. Es geht also um Beziehungskompetenzen und die Fähigkeit, die eigenen Muster, die eigenen „Formen des Bewusstseins“ zu erkennen und die sich daraus ergebenden Beziehungsmuster. Konkret heißt das, dass man die Erwartungen an sich und andere, die Blockaden und Kompetenzen, wie sie sich aus den bisherigen Beziehungen ergeben haben, erkennt. Sie nämlich sind die Choreografen der Beziehung, die ich aufzubauen in der Lage bin. Versteht man unter Spiritualität den „bewussten Umgang des Bewusstseins mit sich selbst“ (siehe oben: von Brück), dann geht es in der Lehrerbildung in erster Linie um eine Fundierung und um ein Training von Spiritualität.
 
Das zweitägige Seminar ist kein Casting, sondern der Versuch, den angehenden Studierenden die Möglichkeit zu geben, eigene Stärken und Defizite hinsichtlich Lehrtätigkeit zu erkennen, so dass sie ihr Studium besser planen können. Dazu werden sie kompetent beraten und erhalten von Teamern und KommilitonInnen differenzierte Rückmeldung hinsichtlich ihrer Wirkung auf sie in folgenden vier Situationen: Teamverhalten bei einer Gruppenaufgabe (Turm aus Papier bauen), Kontaktaufnahme mit einer Gruppe/Klasse, Analyse von Schlüsselsituationen des eigenen Schulerlebens, kollegiale Fallbearbeitung (soziales Verständnis, Unterstützung, Perspektivenübernahme). Noch vor dem Seminar haben sie eine ausführliche Lernbiografie zu erstellen mit der Begründung ihrer Studienwahl und ihren Lerngewohnheiten und –erfahrungen. Drei Wochen nach dem Seminar geben die Studierenden ihr Lerntagebuch zum Seminar ab, in dem sie ihre Erfahrungen und die dazu gehörenden Reflexionen darstellen. Abgeschlossen wird der Prozess mit einem ausführlichen Beratungsgespräch mit einem Teamer ihrer Wahl. Ergebnisse darüber, wie dieses Seminar eingeschätzt wird und ob auf diesem Weg ein günstigerer Studienverlauf und Verlauf des Berufslebens erreicht wird, liegen verständlicherweise nicht vor. Insgesamt zeigt sich aber, dass ein anderer Einstieg möglich und gestützt durch vorausgehende Untersuchungen auch sinnvoll ist, so dass ein anderer Verlauf des Studiums und ein anderes Ergebnis in der Schule erwartet werden kann.
 
 
 

11.  Kommentar III:

Wenn nachfolgend explizit von Werten und einem daran orientierten Unterricht die Rede ist, so ist vorab klarzustellen, dass Handeln sich immer an Werten orientiert. Diese schwer wiegende Hypothese ergibt sich m.E. (W. Roth) aus der allgemein akzeptierten Theorie Kurt Lewins, wonach Handeln das Produkt von Situation und Person ist. (Zur Ausdifferenzierung dieses Modells siehe oben bei van Elst und am Ende dieses Berichtes). Ein Aspekt dieser Theorie (oder dieser Formel: Handeln = f( Person x Situation)) ist darin zu sehen, dass Handlungen sich nie vollständig aus einer Situation heraus verstehen lassen, sondern immer eine Einschätzung/Bewertung der Situation, auf die reagiert wird, durch die Person vorab erfolgt. Diese Einschätzung/Bewertung aber ist individuell und lebensgeschichtlich bedingt. „Wertfreien“ Unterricht also gibt es danach nicht, allerdings kann die handlungsleitende Situationsbewertung mehr oder weniger bewusst erfolgen. Von diesem Aspekt her wird die Position Daubers deutlich, dass er Unterrichtskompetenz in erster Linie als Sozial- oder Beziehungskompetenz sieht, die die Fähigkeit beinhaltet, die eigenen Muster der Einschätzung von Situationen und Menschen zu erkennen und zu versuchen, den Menschen im Erziehungsprozess unter weitestgehender Reduzierung von Projektionen zu begegnen und mit maximaler Empathie, dem Sich-Hineinversetzen in die zu Erziehenden, den Unterricht zu gestalten!
 
Auch können bewusste Einschätzung und Zielsetzung deutlich verschieden sein von den impliziten Wertsetzungen, die die Handlung tatsächlich dann bestimmen. Dies scheint sogar die Regel zu sein, wenn man sich die Präambeln von Bildungsplänen und die Unterrichtsrealität ansieht. In dieser Hinsicht unterscheidet sich übrigens die Bundesrepublik nicht von der ehemaligen DDR oder anderen autoritären Staaten/Diktaturen, in denen auch immer wieder vorab Lippenbekenntnisse geliefert wurden.
 
Wenn nachfolgend also von wertvollem Unterricht gesprochen wird, so geht es um einen Bewusstmachungsprozess, in dessen Verlauf die tatsächlich unserm Handeln zugrunde liegenden Werte erkannt und ggf. neue bewusst gesetzt und die Handlungen bewusst darauf ausgerichtet werden. Sodann geht es darum zu evaluieren, in wieweit die bewusst gesetzten Leitlinien sich im Handeln wiederfinden lassen und was sie in der Erziehungsgemeinschaft bewirken. Dies ist in dem wiederholt zitierten Sinne von von Brücks ein spiritueller Prozess, denn es geht um den bewussten Umgang des Bewusstseins mit sich selbst. Es mag fraglich sein, ob es Sinn macht, den Begriff der Spiritualität in diesem Zusammenhang zu verwenden, löst er doch viele Widerstände aus. Statt ihn zu vermeiden möchten wir umgekehrt aufklären, was mit ihm wirklich gemeint ist. Zu diesem Zweck weise ich auf die sehr griffige Pointierung Geißlers hin, der in einem Vorabinterview zum Kongress in der Badischen Zeitung schlicht formuliert hat, dass „Spiritualität das Gegenteil von Kapitalismus“ ist. Auch wir sehen „Spiritualität“ als eine brauchbare Kurzformel gegen eine eng-materielle Wertorientierung, die wir – nicht nur wegen der von ihr ausgelösten Krise – überwinden wollen: 
 
 
 

12. Dr. Norbert Nicolaus

Wie ein „wertvoller Unterricht“ aussehen kann, stellte anschließend Norbert Nicolaus, promovierter Grundschullehrer dar. 7 Jahre hat er in Indien an Schulen und Hochschulen gearbeitet und kam dort mit dem ihm schlüssig erscheinenden Ansatz der Sathya-Sai-Erziehung in Kontakt, über die er in seinem Vortrag informiert. Es handelt sich dabei um ein Unterrichtskonzept, das nicht unbedingt auf Indien bezogen ist, sondern humanistisch orientiert so gestaltet ist, wie es letztlich die Präambeln der Bildungspläne nahezu aller aufgeklärten, humanen Länder ‚eigentlich’ vorsehen. Die Realisierung von Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit wird allerdings weniger durch die PISA-Wertsetzung der Erweiterung von Sachkompetenzen als Reaktion auf die ‚Herausforderung einer Wissensgesellschaft’ (Lesen, Mathe, Naturwissenschaften) erreicht, sondern durch ein anderes Verständnis seiner selbst und der Welt auf der Basis einer Gewissheit der Reziprozität und Allverbundenheit. Sie erst können schlüssig den Sinn von Empathie, Rücksicht, Fürsorglichkeit, Nächstenliebe etc. begründen, die wiederum die Basis für Frieden, soziale Gerechtigkeit und damit von menschlicher Entwicklung darstellen.
 
Es geht also nicht um einen fortzuschreibenden Wertewandel, wie er immer wieder in Abhängigkeit von Zeitströmungen stattfindet (Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit, 68er etc.), sondern um spirituelle Werte, die sich aus unserm Menschsein und unserer Stellung im Kosmos ergeben. Trotz unterschiedlicher Interpretationen in verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen Wertegemeinschaften stößt man immer wieder auf ähnliche Grundvorstellungen, die in der Allverbundenheit gipfeln und sich in der Sathya Sai Erziehung in 5 Grundwerte ausdifferenzieren: Wahrheit, Rechtes Handeln, Friede, Liebe und Gewaltlosigkeit. Eine ausführliche Diskussion dieser Werte kann hier nicht geleistet werden. Es sei nur darauf hingewiesen, dass ‚Wahrheit’ nichts mit einem Verbot zu lügen zu tun hat. Auch geht es nicht um eine vom Standpunkt des Konstruktivismus zurecht abgelehnte letzte Realitätserkenntnis, sondern um ein kreatives Finden einer verlässlichen Orientierung eines jeden Einzelnen, also um subjektive Sinnfindung. Sie wird zur Basis des Handelns (rechtes Handeln). Die Übereinstimmung von Empfinden und Tun (Kongruenz)  stellt auch bei Rogers ein zentrales Element der Interaktion dar. Im Frieden, der Liebe und Gewaltlosigkeit wird schließlich das Konglomerat von Sinn und Handeln anschlussfähig mit den Wahrheiten der anderen Menschen und der Natur insgesamt.
 
Diese Werte lassen sich nun in direkter und indirekter Weise im Unterricht vermitteln. Von der Schulgemeinschaft gelebt, werden sie indirekt sichtbar und wirksam. Sie müssen aber auch direkt angesprochen und über Meditation, Gebet, Singen, Geschichten-Erzählen und Gruppenaktivitäten direkt vermittelt werden. Die Beispiele, die Nikolaus gibt machen deutlich, dass die Kinder offensichtlich ein verlässliches Fundament für ihre wertorientierte Lebensgestaltung erhalten. Beispielsweise liest Nikolaus seinen Kindern jedes Wochenende zum Schulabschluss eine Geschichte vor und gibt sie ihnen gewissermaßen mit nach Hause. Dort erzählen sie sie ihren Eltern/ErzieherInnen, sie malen Bilder und beschäftigen sich bewusst oder unbewusst mit ihr. Darüber berichten sie dann am Montag in der Klasse, so dass alle Kinder erfahren, was den anderen Kindern dazu eingefallen ist, was ihre eigene Phantasie wiederum anregt. Insgesamt sind das in den vier Grundschuljahren ca. 160 Geschichten, die ihre Wertorientierung nachhaltig beeinflussen. Auch die Lieder, die gesungen werden, die Gebete, Meditationen und die Gruppenaktivitäten, die durchgeführt werden, stellen ihrer Schlichtheit ein dichtes Geflecht dar, in dem sich Kinder geborgen einen Sinn für sich selbst und ihr Handeln entwickeln können.
 
 
 

13.  Kommentar IV:

Voraussetzung für ein stabiles Erziehungssystem, das überhaupt eine positive Werteerziehung ermöglicht, ist ein einigermaßen stabiles Staatssystem. Frieden ist die Voraussetzung für eine Friedenserziehung – könnte man pointiert formulieren, woraus die wechselseitige Bedingtheit von Erziehung und Lebensbedingungen deutlich wird. Wenn wir uns also zum Schluss nochmals den Lebensbedingungen und speziell den Interaktionsformen der Menschen zuwenden, so schließt sich auch der Kreis, der mit Hüther eröffnet wurde: unser Handeln ist die Umsetzung unseres momentanen Bewusstseins. Je nachdem, wie wir Probleme und Dilemmata verstehen, handeln wir ganz unterschiedlich. Realität ist das, was wir als solche in unserm Hirn konstruieren. Realität ändern können wir also vor allem dann, wenn wir die Bilder ändern, die wir von ihr auf Grund von Tradition, Kultur, Sprache und Interaktion haben. Unsere Erkenntnis- und Handlungsmuster sind wie ein Gefängnis, aus dem auszubrechen das wesentliche Ziel kognitiver Erziehung ist:
 
 
 

14. Prof. Dr. Dr. hc Johan Galtung

Der Friedensforscher Johan Galtung sieht in der europäischen Denktradition, in der die Dichotomisierung im Vordergrund steht (tertium non datur), ein entscheidendes Hindernis für eine Friedensfindung. Das Weder-Noch oder das Sowohl-als-Auch sind erst die Voraussetzung für Kompromisse oder gemeinsame Projekte, in denen die Konfliktparteien herausfinden, was sich von ihren idealistischen Zielvorstellungen auf dem Boden der Realität, zu der auch die Anderen gehören, umsetzen lässt. Galtung sieht in der  Dichotomie und in der hinzukommenden Bewertung in ‚Richtig’ und ‚Falsch’, ‚Gut’ und ‚Böse’, (Manichäismus) und dem notwendig erscheinenden Versuch, das angeblich Böse zu vernichten (Harmagedon) die Grundlage für viele Abläufe in der (westlichen) Geschichte (Marx, Hitler, aber auch Vertreter der amerikanischen Politik etc.). Hierzu gehört auch der Nationalismus und die Vorstellung, (von Gott) erwählt zu sein. Insgesamt ist die westliche Denktradition sicher gut für die Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik, wo es um Digitalisierung geht, schlecht allerdings bei komplizierten und sozialen Problemen. Es gilt, diese Tiefenkulturen zu verstehen, die teilweise über die Mittagstischgespräche unbemerkt von einer Generation zur anderen weiter gegeben werden.
 
Ein Gegenmodell sieht er im östlichen/chinesischen/buddhistischen Tetralemma (statt Dilemma), in dem es auch das Dritte und das Vierte gibt. Dazu kommt das Prinzip von Yin-Yang, in dem sich Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Männlich und Weiblich, Falsch und Richtig usw. mischen, die sich letztlich ergänzen und damit in ihrer Widersprüchlichkeit aufheben – bis sie auf einer höheren Ebene in anderer Qualität wiederkehren und erneut aufgehoben werden (Dialektik). Keinen Widerspruch und keinen Konflikt mehr zu haben bedeutet Leblosigkeit. Also gilt es, mit Konflikten und Problemen zu leben und sie zu managen, was dann möglich ist, wenn man über Empathie verfügt, so dass man sich in den Andren hineinversetzen kann. So gesehen sind sie sogar ein notwendiges Element menschlicher Entwicklung. Als 2. ist es notwendig, auf Gewalt zu verzichten, wozu gehört, dass man den Anderen auch nicht abwertet oder beschimpft. Schließlich ist eine gehörige Portion Kreativität erforderlich, um neue Ansätze zu finden, die aus den festgefahrenen Positionen der Konfliktparteien, die auf ihre Sichtweise fixiert sind, herauszukommen. Damit ausgestattet ist es möglich, sich eine Vorstellung von dem zu machen, was man als Konflikt-Landkarte bezeichnen könnte. Erst wenn man einen Überblick über die Zusammenhänge hat, kann man die legitimen Ziele der Parteien hierarchisieren, um 3. deren Vereinbarkeit in einem kreativen Akt zu erproben. Den „Ewigen Friede“, das heißt, die endgültige Lösung aller Konflikten, wird es nicht geben, aber ein Transzend, einen Übergang und Zustand des Miteinander, aus dem sich weitere gemeinsame Entwicklungsräume ergeben können. Konflikte sind nicht als Unglück anzusehen, sondern eine Herausforderung an unser Menschsein und die entscheidende Triebkraft der Geschichte und der Entwicklung. Auf das Thema des Kongresses bezogen geht es also um diesen weiten und ganzheitlichen Blick. Um dies zu veranschaulichen, hat Galtung wiederholt eine Karte der Erde aus großer Distanz, aus dem Weltall, gezeigt: nur derjenige, der das Ganze im Blick hat, ist in der Lage, Konflikte voranzubringen und mit ihnen die Entwicklung der Menschen.
 
 
 

15. Abschließender Kommentar - Schlussfolgerungen

Insgesamt gehören nach Überzeugung der ReferentInnen und TeilnehmerInnen die Grundüberzeugungen unserer Gesellschaften auf den Prüfstand: Die Ziele, nach denen wir im Mainstream streben und die Art und Weise, wie wir unser Leben organisieren, ist zerstörerisch, sozial unausgewogen gefährlich und nicht zukunftsfähig. Das Streben nach Erfolg an sich ist nicht problematisch, sondern was wir als solches definieren. Wenn Besitz und Komfort als Erfolg gilt, dann werden wir aus dem verhängnisvollen Wachstumsdenken, aus dem „Ressourcenverschwendungsmodus“ (Hüther) nicht herauskommen. So lange, wie quantitatives Mehr als Fortschritt definiert wird, herrschen auch Konkurrenz und Benachteiligung, Neid und Missgunst, Gewalt und Machtstreben vor. Notwendig ist nicht eine materiale sondern eine menschliche Entwicklung. Die Vorstellungen von dem, was Glück und Erfüllung ausmachen, kann nicht wirklich für alle im Materiellen angesiedelt werden. Das würde die Welt und uns überfordern, zumal es keine Grenze gibt, bei der sich ein Gefühl des Genug einstellt. Besitz ist ein relationaler Begriff. Entsprechend können wir uns von der Wachstumsideologie nicht verabschieden. Dies zu erkennen stellt sicher keine rationale Überforderung dar, aber macht ein Umdenken, eine veränderte Einschätzung und ein ‚Umfühlen’ erforderlich. Es braucht möglicherweise Zeit, vielleicht zu viel Zeit, bis sich eine Neuorientierung in Bewertung, Denken und Fühlen durchsetzt. Möglicherweise braucht es noch mehr direkte Schockerlebnisse, bis wir die Notwendigkeit veränderten Handelns nicht mehr nur abstrakt definieren. Verantwortung tragen nach Meinung aller Referenten insbesondere die Zentren der Rationalität, die Universitäten und Hochschulen. Sie haben Modell der Neuorientierung zu entwickeln, sie sind die Zukunftswerkstätten, die nicht vorwiegend kommerziell ausgerichtet sind.
„Das Thema Spiritualität, Beziehung und Begegnung ist an den Hochschulen für Sozialwesen und Universitäten für Erziehungswissenschaft ein sträflich vernachlässigtes Thema“ schreibt eine Kongress-Teilnehmerin, die selbst an einer Hochschule arbeitet.
 
Es gilt, über die „Verfahrensfragen“ des Miteinander und damit über die Einhaltung von Menschenrechten hinaus danach zu fragen, welches Grundverständnis wir von uns selbst, vom Menschen und von der Welt insgesamt haben. Dies ist keine religiöse Frage, sondern eine Überlebens- und eine Lebensgestaltungsfrage, die sich jede und jeder sowieso stellt und die mit den Mitteln des Geistes in einem weiteren als bisher üblich verstandenen Sinne auch anzugehen sind. Wissenschaften haben sich im Zuge aufgeklärten Suchens nach Glück und besserem Leben entwickelt. Nun zeigt sich, dass sie eingebunden zu sein haben in ethische und Sinnaspekte. Rationalität für sich genommen ist so gefährlich und zerstörerisch wie es die irrationalen Einseitigkeiten ideologischer Systeme vor der Aufklärung waren. Es gilt also nicht in solche Systeme zurück zu fallen, sondern „transrational“ diese Verbindung von Ratio und Spiritualität in dem Sinne zu erreichen, wie sie auf dem Kongress umrissen wurde. Bereits Karl Popper sieht das Entscheidende der Aufklärung nicht als Überwindung der Spiritualität und im ‚Sieg’ der Ratio, sondern in der kritischen Haltung der Ratio sich selbst gegenüber – und damit genau in dem, was von Brück als Spiritualität definiert: „der bewusste Umgang des Bewusstseins mit sich selbst“. Es erscheint logisch, dass dies nur mit Mitteln möglich ist, die über die Ratio hinausgehen. Wie diese Transzendenz in verschiedenen Wissenschaftsbereichen aussehen kann, haben wir in dem Buch Hüther/Roth/von Brück (2008) dargestellt: in der Erweiterung unserer Wahrnehmung über die individuelle und rein rationale ins Transrationale hinaus. Erst aus einer mehr und mehr umfassenden, ganzheitlichen Perspektive heraus kann den einzelnen Bereichen und Potenzen in einer nicht verabsolutierenden Weise der ihnen dienliche Platz zugeordnet werden. Im Detail ist unsere Wissenschaft stark, sie hat aber ihre Stärke letztlich ins Ganze einzuordnen, muss also ‚transzendent’ sein.
 

 

A) Organisatorische Schritte

  1. <!--[if !supportLists]--><!--[endif]-->Internetauftritt, Öffentlichkeitsarbeit (Siehe die Liste von Hans-Peter Kraus) 
  2. <!--[if !supportLists]--><!--[endif]-->Einbeziehen der Organisatoren des Kongresses (die Freiburger Hochschulen, die Universität, die Vereine), Zusammenstellung und Beratung der Vorstellungen und Möglichkeiten 
  3. <!--[if !supportLists]-->Installierung eines bundesweiten und darüber hinausgehenden (Schweiz, Österreich) Netzwerkes zum Austausch und zur Organisation von Treffen, Aktionen, Kongressen im Sinne eines Austauschs der im Netzwerk Beteiligten.(läuft derzeit - Nov. 2009, wer Interesse hat, melde sich bitte an)

 

B) Projekte

  • <!--[if !supportLists]-->Inzwischen hat sich ein Arbeitskreis gebildet aus HochschullehrerInnen aller Freiburger Hochschulen einschließlich der Universität, aus UnternehmerInnen/UnternehmensberaterInnen, der sich regelmäßig trifft, sich orientiert und das weitere Vorgehen plant.
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  •  <!--[if !supportLists]--><!--[endif]--><!--[if !supportLists]--> 

C) Inhaltlich stehen u.a. folgende Aufgaben an:

  1. <!--[if !supportLists]-->Wertevermittlung in allen Studienfächern, insbesondere in den Wirtschafts-, Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften (Pläne, Erfahrungen, Installation) 
  2. <!--[if !supportLists]-->Grundlegung eines humanistischen Menschenbildes, eines an Nachhaltigkeit orientiertem Denken, der Relativierung der Wachstumsideologie, Diskussion individueller Zielsetzungen
  3. weitere inhaltliche Klärung dessen, was Spiritualität nach der Aufklärung und in einer Wissensgesellschaft bedeutet
  4. <!--[if !supportLists]--><!--[endif]-->Abgrenzung von Spiritualität zu Religion, Spiritismus, Esoterik etc.
  5.  <!--[if !supportLists]-->Intensivierung der Forschung über die Wirkung von Spiritualität, zur Humanistischen und zur Transpersonalen Psychologie etc.
  6. <!--[if !supportLists]-->Kultivierung einer aufgeklärten Spiritualität in Meditation, ganzheitlichem Denken, Fühlen und Handeln, Empathie, Verbundenheit (mit Menschen, der Natur, Allverbundenheit, Humanität.
  7. Weiter/andere Zielsetzungen werden derzeit im Arbeitskreis besprochen.
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