Freiheit im neuronalen Netz


Freiheit kann wohl nicht als Freiheit des biologisch-körperlichen Individuums von den Gesetzen der Biologie verstanden werden, sondern als Leistung des individuellen Lebewesens als eines biologischen Körpers. Nach diesem Verständnis wandelt sich Freiheit von einer abstakten überindividuellen Begrifflichkeit zu einer immer individuell realisierten Leistung eines körperlichen Individuums. Als zentrale Voraussetzung für diese Leistung wird die neuronale Beherrschung der Zeit identifiziert. Erst durch die konzeptuelle Eroberung der Zukunft durch eine neuronale Projektion und Abschätzung zukünftiger Ereignisse auf der Grundlage vergangener Erfahrungen wird Freiheit überhaupt erst möglich. Die Beherrschung der Zeit beruht dabei auf Erkenntnissen als Grundvoraussetzung von Entscheidungsoptionen. Diese Erkenntnisse sind in neuronalen Netzen repräsentiert. Die Struktur von Erkenntnis (als interindividuell ähnlichem Phänomen) ist dabei neurobiologischer Forschung zugänglich. Die Inhalte von Erkenntnis (Semantik) sind aber prinzipiell nicht vollständig determinierbar, weil sie an die individuellen Körper (Biographie als materieller Prozess) gebunden sind. Damit resultiert gerade aus der Perspektive der materiellen neuronalen Netze aufgrund der individuellen Körperlichkeit von Erkenntnissen die Indeterminierbarkeit von auf Erkenntnissen beruhenden Entscheidungen (Freiheit).
 
Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst, Freiburg